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Stand: 24.07.2008
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  Sie sind hier: Gleitschirmschule > Sicherheitsinfos > Der Ablauf bei Rettungsgeräte-Öffnungen
 

Der Ablauf bei Rettungsgeräte-Öffnungen

Was passiert,

wenn was passiert?

Bernd Schmidtler prüft seit etwa 10 Jahren die Hängegleiter- und Gleitschirm-Rettungsgeräte für den DHV. Er hat in dieser Zeit mehr als 1000 Versuche zur Öffnung von Rettungsgeräten an der Kochertalbrücke durchgeführt. Im Nachfolgenden beschreibt er, was sich bei der Öffnung eines  Rettungsgerätes abspielt.

Die Bilder auf dieser Seite sind ein Gruselkabinet. Laß Dich davon nicht erschrecken. Wir testen die Rettungs- geräte der Hängegleiter und Gleitschirme bestialisch. Vor der Zulassung wird ein und dieselbe Kappe dreimal mit 150 km/h geöffnet, nur wirklich absolut sichere Schirme kommen da durch. Bei den Versuchen gibt es viel Bruch. Alle Bilder dieser Seite stammen von einem einzigen Tag an der Brücke. Natürlich zeigen wir auf den Bildern die  Brüche - normale Geräte wären ja langweilig.


Was passieren muß, damit der Schirm eine Chance hat ...





Egal warum Du den Schirm brauchst, egal ob die Rettung auf herkömmliche Art oder mittels einer  Rakete funktioniert, egal ob Dein Schirm etwa taugt oder nicht - er kann Dich nur retten, wenn du ihn aktivierst.

Fatalerweise ist es so, daß auch bei einer eindeutigen Katastrophensituation die meisten Piloten unendlich lange brauchen, bis sie die Rettung aktivieren. Bei den Fallschirmversuchen reichen mir die 4 Sekunden, die für 80 Meter Fallhöhe benötigt werden, um einen Handschuh auszuziehen, mich zu bücken um die Kamera aufzuheben, das Versuchsobjekt im Sucher des Teleobjektives zu zentrieren und den Auslöser zu betätigen. In der Praxis haben Piloten mit einer Flughöhe von 80 m im Falle eines Falles nur eine geringe Chance. Woran liegt dies?

Die "Luftnot" ist für jeden eine neue, bisher völlig unbekannte Situation. Piloten, die eine solche Katastrophe überlebt haben, berichten von einer totalen Desorientierung. "Um Gottes Willen, was ist denn jetzt los?" ist der erste Gedanke. Nach diesem Gedanken sind schon die ersten 30 Meter weg. Da, wo sich normalerweise der Horizont befindet, ist nur noch Himmel oder es dreht sich die Erde in rasender Geschwindigkeit. Die Angst steht Dir sowieso bis zum Hals. Es kann sein, daß Du verletzt bist. Bitte zieh jetzt schleunigst an dem lebensrettenden Griff!

In einem Hängegleiter oder einem UL ist es möglich, daß Dir  die Fetzen um die Ohren schlagen. Als Gleitschirmpilot kann es Dir passieren, daß Du in Deinem Segel eingewickelt von der Außenwelt abgeschnitten bist. Wenn Du ein Trike fliegst kann der Steuerbügel hinter Deinem Rücken sein, als Pilot eines Dreiachsers liegen unter Umständen Deine Beine auf dem zweiten Sitz und der Kopf hängt zu der nicht mehr vorhandenen Türe raus. Jetzt solltest Du aber wirklich dringend an dem Griff ziehen!

Irgendwo hat sich bestimmt irgendwas ekelhaft verhängt, eine Gleitschirmleine läuft unter  Deinem  Arm

durch, eine seitliche Unterverpannung hängt irgendwo fest, wo sie normalerweise nie hinkommt oder Dein Fuß ist in den Seitenruderpedalen eingeklemmt. Schau Dir die Fotos von Autounfällen an, dann weißt Du was ich meine. Nun zieh schon endlich an dem vermaledei- ten Griff!

Egal wie verquer die Situation um Dich plötzlich ist, wie sehr Dein Fuß, Arm, Hals oder sonstwas schmerzt, ob ein Passagier hysterisch schreit, egal ob die Zeit stillzustehen scheint oder sich die ganze Welt wie verrückt dreht, ob die Zentrifugalkraft Deine Arme und Beine streckt oder was sonst auch immer los ist, für Dein Weiterleben ist jetzt nur eines wichtig. Zieh den Griff - und zwar sofort.

Wenn irgend jemand glaubt, er könne in einer solchen Situation einen Sicherungssplint entfernen, irgend ein elektrisches Kabel anstöpseln oder an einem kleinen Kästchen zwei noch kleinere Druckknöfchen gleich- zeitig betätigen, so ist dies - vorsichtig ausgedrückt - weltfremd.

Je größer, auffälliger und besser erreichbar die Auslösung ist, je mehr sie in Deinem Gesichsfeld liegt und je leichter sie sich fassen  läßt, desto größer ist Deine Überlebenschance.

Vergiß die ganzen dummen Biertischsprüche. "Motor aus -  Schirm raus", "Embryohaltung" oder Ähnliches ist alles Käse. Es zählt nur eines, zieh den Griff - zieh ihn jetzt, zieh ihn schleunigst, zieh ihn sofort. Jede zusätzliche Überlegung kostet dutzende von Metern. Nur der Himmel weiß, wieviel Luft noch zwischen Dir und dem Aufschlag ist und ich verliere nur ungern einen Leser.

Wenn es Dir gelingt, den Griff zu ziehen, hast Du schon fast die ganze Miete in der Tasche. Unter 50 Meter Fallhöhe schafft das kaum ein  Pilot. Für den Rest der Rettung reichen bei niedriger Fallgeschwindigkeit und einem guten, frischgepackten Schirm meistens 30 bis 50 Meter.




Die Streckzeit:

 

Gleitschirmpiloten und Hängegleiter werfen die Rettungsgeräte direkt manuell, die meisten Ultraleichten haben zwischen dem Aktivierungsgriff und dem Rettungsgeräte-Container eine störanfällige Verbindung.

Elektrische Leitungen sind hier weitverbreitet, aber völlig fehl am Platz. Luftnot, das heißt unter Umständen gerissene Stahlseile und gebrochene Carbon-Holme, armdicke Alurohre zerfetzt wie nasse Zeitungsrollen. Ob dabei eine Klingelleitung heil bleibt ist fraglich. Die Hersteller von solchen Auslösesystemen beteuern zwar, Ihre Elektronik sei störungsfrei und absolut betriebssicher. Aber das sagen die Hersteller meines Computers auch immer - pï&€¤q¿&€¤qß& €¤q þ&€¤ qýƒèlÿvð" dÀtºNð‰ ó1À>肎Fð&Ç DQëMFð‰.

Wesentlich besser wäre stattdessen ein überdimensionierter Bowdenzug mit einem Schlagbolzensystem. Ehe dieser Seilzug reißt löst er die Rettung aus. Höchstenfalls wenn der Bowdenzug scharfkantig geknickt wird kann es Probleme bei der Betätigung geben. Die hohe Betriebssicherheit von Zündsysteme mit Schlagbolzen ist durch Maschinenwaffen hinlänglich bekannt.

Primitiv, aber bei richtiger Anordnung betriebssicher, ist die Auslösung mit einer Leine und einem Hilfsschirm, einem sogenannten Springteufel. Allerdings habe ich schon viele Auslöseleinen gesehen, die nie und nimmer funktioniert hätten. Mit Klebeband oder Kabelbindern läßt sich die lebensrettende Verbindung so perfekt befestigen, daß sie sich auch im Notfall keinen Millimeter bewegt.

Raketen-Rettungsgeräte benötigen zwischen der Zündung und dem Strecken des Systems nur Millisekungen. Bei Rettungsgeräten mit Hilfsschirmen dauert die sogenannte Streckzeit wesentlich länger. Die längste Streckzeit haben manuell ausgeworfene Systeme ohne Hilfsschirm, wie sie von Hängegleiter- und Gleitschirmpiloten fast ausschließlich verwendet werden. Warum diese Luftsportgeräte trotz ihrer häufig niedrigen Flughöhen keine Hilfsschirme benutzen weiß niemand. Die Hersteller behaupten, der Markt würde solche Systeme nicht annehmen.


Die Füllzeit:

Nach dem Strecken muß sich die Kappe füllen. Die hierfür erforderliche Zeit wird als Füllzeit bezeichnet. Mit Hilfsschirm oder bei Raktensystemen braucht das Füllen die meiste Zeit zwischen dem Aktivieren der Rettung und der tragend offenen Kappe. Nur bei den Rettungsgeräten von Hängegleitern und Gleitschirmen, die ohne Hilfskappe arbeiten und zuweilen jahrelang ungepackt im Container lagern, kann die Streckzeit länger als die Füllzeit sein.

Raketensysteme haben im Durchschnitt eine weit höhere Füllzeit als normale Rettungsgeräte mit oder ohne Hilfsschirmen. Sie verlieren beim Füllen wesentlich mehr Zeit, als sie vorher beim Strecken gewonnen haben.

Der Grund ist simpel. Ein Hilfsschirm streckt das Rettungsgerät zwangsweise immer so, daß die Kappe für die Füllung günstig in der Strömung steht. Auch eine manuell ausgeworfene Kappe streckt sich normalerweise entgegen der Fallrichtung. Eine Rakete dagegen zieht die Kappe irgendwo hin. Ehe die Kappe mit dem Füllen beginnen kann muß sie sich in Strömungsrichtung ausrichten. Im ungünstigsten Fall bedeutet dies, die Rakete schießt senkrecht nach unten und streckt den Schirm in Deine Fallrichtung. Du mußt zuerst an dem Schirm vorbeifallen, ehe die Kappe mit dem Füllen beginnen kann. Nur wenn Du normal geradeaus fliegst schießt die Rakete nach oben und das Raketensystem braucht insgesamt eine kürzere Zeit als der Schirm mit dem Springteufel. Ich vermute aber, wenn Du normal geradeaus fliegst brauchst Du keine Rettung.

Die Füllzeit ist von einer Reihe von weiteren Faktoren abhängig. Je "luftiger" ein Schirm im Container liegt, desto schneller füllt er. Erfahrene Hersteller kommen deshalb niemals mit gepackten Schirmen zu unseren Versuchen. Das Material wird erst kurz vor dem Abwurf neu gepackt. Was von vakuumverpackten Schirmen zu halten ist oder wie Kappen füllen, die mittels Hydraulik in den Container gepreßt werden, kann sich jeder selber ausrechnen. Solche Systeme kannst Du mit einem Spaceshuttle aus dem Container ziehen, die behalten trotzdem die Öffnungszeit einer Zugbrücke.

Bei hoher Luftfeuchtigkeit gehen Schirme schneller auf als bei trockener Luft und nasse Schirme öffnen schneller als trockene. Aber Gnade Gott dem Piloten, dessen Schirm im Container trocknen mußte. Die Bahnen sind verklebt, er braucht locker 100 Meter mehr als mit einem frischgepackten Schirm.

Besonders bei schnellen Ultraleichtflugzeugen wird die Füllung häufig durch einen sogenannten Slider künstlich verzögert. Damit wird die Belastung im Füllstoß reduziert. Die Technologie ist vom Fallschirmspringen bekannt. Fallschirmspringer machen ihre Kappen aber nur sehr selten in geringer Höhe auf. Ein Slider braucht Höhe. Aus Südeuropa ist mir eine Störung bekannt, bei der ein Ultraleichter mit einem auch bei uns sehr weit verbreiteten Raketen-Rettungssystem mit Slider zwischen Aktivierung und Öffnung sage und schreibe mehr als 500 Meter durchgefallen ist. Der Mann hatte Glück, er hatte nach dem Füllstoß noch ein paar Meter zwischen sich und Mutter Erde.

Auch beim Packen gibt es auch eine ganze Reihe von Tricks, mit denen sich ein Schirm für eine schnellere Öffnung präparieren läßt. Die Sache ist allerdings zweischneidig. Füllt die Kappe schnell, so hat sie zwar eine geringe Füllzeit, aber dann kommt der Füllstoß. Der ist bei schneller Füllung härter.

Auslösung der Rettung bei einer Fallgeschwindigkeit vom ca. 150 km/h.

Nach kurzer Zeit ist die Kappe gestreckt ...

... und erfährt den Füllstoß.

Beim sogenannten Atmen fallen Teile der Kappe nochmals ein.

Erst nach dem Atmen ist die Kappe tragend und bremst die Last.


Der Füllstoß:

Eine ganze Reihe von Faktoren beeinflußen den Füllstoß, nicht nur das Packen ist maßgeblich. Je größer die Masse, je höher die Geschwindigkeit, je dichter das verwendet Tuch und je geringer die Dehnung der verwendeten Leinen ist, desto härter wird der Füllstoß. Eine Seitenwindkomponente (wie sie zum Beispiel bei Öffnungsversuchen aus dem Flugzeug oder Hubschrauber zwangsweise auftritt) ergibt einen recht sanften Füllstoß. Bei feuchtem Wetter, ja bereits bei hoher Luftfeuchtigkeit, wird der Füllstoß gnadenlos. Bei hoher Luftfeuchtigkeit taucht kein erfahrener Hersteller zu einem Festigkeitsversuch auf, da stehen wir immer alleine im Nebel.

Die wenigsten Piloten (und, zumindestens habe ich den Verdacht, auch nur wenige UL-Hersteller) haben eine Vorstellung, welche Kräfte beim Füllstoß auftreten können. Bei einer Masse von 200 kg (Doppelsitzer Rettungsgeräte von Hängegleitern) und einer Prüfgeschwindigkeit von rund 150 km/h (Fallhöhe 80 m) kommt es bei den Versuchen zuweilen vor, daß sich die Karabiner Stubai-5000 (Zugfestigkeit 50000N) verab- schieden, siehe Bild. Das entspricht 25g. Bei einem UL-Schirm mit gleichem Öffnungsverhalten, 450 kg Abflugmasse und 200 km/h Fluggeschwindigkeit treten etwa die vierfachen Kräfte auf, also rund 20 Tonnen.

Wenn ich die Bindfäden sehe, mit denen viele UL-Rettungsgeräte befestigt werden, wird mir ganz flau im Magen. Auch der Befestigungspunkt, an dem die Rettungsgeräte-Hauptleine befestigt wird, sieht bei UL’s häufig windiger aus als ein Kleiderhaken. Nein, auch ein 6-mm-Stahlseil reicht nicht und eine Kevlar- Verbin- dungsleine ist völlig falsch.

Beim Öffnungsstoß gilt es, eine vorliegende Energie abzubauen. Je geringer die Dehnung der Verbindungselemente zwischen der Kappe und der fallenden Masse ist, desto größer wird die auftretende Kraft. Stahlseile und insbesondere Kevlarleinen zeichnen sich durch besonders geringe Dehnung aus. Der Einsatz dieser Materialien ist etwa so zweckmäßig wie der Einsatz einer Fensterscheibe als Rückwand eines Fußballtores.



Sogar bei den gering belasteten  Hängegleiter-Rettungs- geräten kommen bei den Versuchen mit 150 km/h  Karabinerbrüche vor.

Bergsteiger wissen dies längst. Sie verwenden zum Abfangen der Stürze nicht extrem feste, sondern extrem dehnfähige Seile. Sogar bei den Fensterputzern ist der Groschen gefallen, sie dämpfen den Stoß bei Fall in die Sicherheitsseile durch aufreißende Gurte. In den letzten Jahren haben es auch einige Rettungsgeräte-Hersteller begriffen. Sowohl im UL-Bereich als auch bei den Hängegleitern und Gleitschirmen tauchen Rettungs- geräte auf, bei denn der Entfaltungsstoß durch dehnende Bauteile abgemildert wird.


Atmen und Abbremsen:

Nach dem Füllstoß ist die Rettung fast gelaufen. Wenn Du jetzt noch wenige Meter Luft unter Dir hast ist Dein Umzug in das schwarze Einzelzimmer abgewehrt.

Zwar wird beim Füllstoß die Luft mit solcher Gewalt in die Kappe gepreßt, das sie auf Grund des Überdruckes noch einmal nach unten herausschießt und ein Teil der Kappe einfällt. Diese sogenannte Atmen des Schirmes erfolgt sehr schnell. Häufig ist das Atmen erst bei der Einzelbildbetrachtung von Filmen zu erkennen.

Der weitere Ablauf ist fast uninteressant. Vermutlich  ist

nach der Schirmlandung Dein Fluggerät Schrott. Wenn Deine Rettung eine hohe Sinkgeschwindigkeit hat oder Du in einem UL sitzt, dessen Federung diesen Namen nicht verdient, so kannst Du Dir ein paar Knochen brechen oder Du liegst mit einer angenacksten Wirbelsäule ein paar Monate im Krankenhaus. Das ist alles nebensächlich. Noch vor wenigen Sekunden bestand die Gefahr, daß es für Dich keine gebrochenen Knochen, keine angeknackste Wirbelsäule, kein UL, kein Heute, kein Gestern und kein Morgen mehr gibt – weil es Dich nicht mehr gibt.


Mein Rettungssystem:

"Und was fliegst Du für eine Rettung?" fragen mich manche Piloten etwas belämmert, wenn sie an der Kochertalbrücke erstmals gesehen haben, was sich beim Öffnen so alles abspielt.

Bei meinem Trike läuft für die Auslösung eine 2 Meter lange Kevlarleine direkt im Gesichtsfeld von der Trikeaufhängung bis zu den Fußrasten. Für die Auslöseleine ist die geringe Dehnung und die hohe Festigkeit von Kevlar ideal. Einem Piloten, der eine baugleiche Auslösung in seiner Maschine hatte, verhalf diese Anordnung zum Weiterleben. Als er nach einem Überschlag die Wäsche auspacken mußte war sein Kopf neben dem Bugrad – die lebensrettende Leine war auch von dort erreichbar.

Meine Kappe wird mit einem Springteufel herausge- zogen. Ich kenne meinen Schutzengel, der pennt manchmal. Deshalb würde bei mir eine Rakete sicherlich senkrecht nach unten pfeifen. Für die Öffnung sind dann zusätzliche 100 Meter fällig. Wer weiß, ob diese Höhe im Ernstfall da ist.

Mein Rettungsgerät ist an der Turmspitze befestigt. Das ist sowohl aus Sicht der Tragflächen-Aerodynamik als auch von der Optik her fürchterlich. Bei Auf- und Abbauen schimpfe ich jedesmal auf das ganze Gedrösel, es ist abscheulich umständlich. Zusätzlich ist es auch noch geschäftsschädigend. Viele meiner Kunden kaufen das System, das ich fliege. An jedem Raketenrettungssystem würde ich mehr verdienen als an der simplen Tellermine.

Der einzige Vorteil des Turmsystems ist die große Entfernung zwischen der Rettung einerseits und der Luftschraube sowie dem heißen Auspuff auf der anderen Seite. Dieser Vorteil ist entscheidend. Selbst wenn mir Lilienthal persönlich versprechen würde, daß die Kappe,

die Leinen und die Hauptleine an der Schraube und am Auspuff keine Beschädigung erfahren können – ich glaube es nicht.

Alleine die Reibung von Gewebe auf Gewebe reicht bei den Festigkeitsversuchen aus, um zeitschriftengroße Löcher in die Kappe zu brennen – und ein Auspuff mit einer Temperatur von 500 Grad soll keine Gefahr darstellen? Die "Kante", die ein handelsüblicher Karabiner am Verschluß aufweist, flößt den Herstellern von Rettungsgeräten solchen Respekt ein, daß sie beim Festigkeitsversuch die Hauptleine mit Tesaband gegen Verrutschen sichern – und die Berührung mit der Luftschraube soll diese Hauptleine unbeschadet überstehen? Ich glaube es nicht.

Die Kappe meines Rettungsgerätes ist eine klassische Rundkappe mit Mittelleine. Vermutlich sind die modernen Doppelkappen, wie sie jetzt bei den Drachen- und Gleitschirmfliegern viel verwendet werden, genau so störsicher. Aber eben nur vermutlich – das reicht mir bei der Rettung nicht. Bei der klassischen Rundkappe liegen einfach mehr Erfahrungen vor.

Zwischen der Kappe und dem Befestigungspunkt an meinem Trike ist eine Dämpfungsvorrichtung. Das System arbeitet ähnlich der Fallbremse bei den Bergsteigern. Das ohnehin pothäßliche Turmsystem wird mit dieser Zusatzeinrichtung nochmals entstellt. Aber lieber ein häßliches Trike, als ein toter Pilot. Dies ist ganz besonders wichtig, wenn ich der Pilot bin – wenigstens aus meiner Sicht.

Übrigens habe ich noch nie in einer Notsituation den Schirm auslösen müssen. In einem Hängegleiter habe ich es einmal probiert, ich wollte wissen ob das Ding funktioniert. Das solltest Du besser nicht versuchen. Ich habe mir fürchterlich die Gräten verbogen.


Die Zukunft:

Nein, zufrieden bin ich mit meinem Rettungsgerät ganz und gar nicht, ich habe nur bisher kein besseres gefunden. Zwar ist die Betriebssicherheit im Gegensatz zu Raketensystemen (gerade mal) ausreichend, aber es ist häßlich wie die Nacht und die Zeit zwischen Aktivierung und tragender Öffnung ließe sich sicher noch eindrucksvoll verkürzen.

In den Schubladen eines großen Rettungsgeräte- Herstellers verstaubt zur Zeit eine halbfertige Entwicklung, die eine tragende Öffnung bei einer Aktivierungshöhe von nur 20 Metern verspricht. Drachenflieger und Gleitschirmpiloten könnten noch bei einer Höhe von 20 Meter überleben. Eine Utopie?

Bei einem UL mit einer Fallgeschwindigkeit von 200 km/h und ungedämpftem Füllstoß ergibt eine so kurze Öffnungszeit Belastungen, die kein Pilot und keine Kappe aushalten würde, aber bereits mit einem definierten Bremsweg von nur 20 Metern läßt sich die Maximallast auf vertretbare 7 bis 8 g drücken. 20 Meter bis zur tragenden Öffnung plus 20 Meter Bremsweg ergibt eine Gesamthöhe von 40 Meter für die Rettung eines mit 200 km/h stürzenden Flugzeuges. Das ist nur der Bruchteil des Bremswegs eines Porsche - eine Utopie?

Mit einem Slider oder anderen Verfahren aus der Frühgeschichte der Fliegerei geht sowas nicht. Hierfür müßten neue Technologien entwickelt werden. Die Hersteller von Gleitschirm-Protektoren haben eindrucksvoll bewiesen, daß solche Entwicklungen auch mit relativ bescheidenen Mitteln machbar sind. Mit den Protektoren werden heute Aufschlagenergien beherrscht, die noch vor 4 Jahren mindestens eine Querschnittlähmung nach sich gezogen hätten.

Angeblich ist für solche weiterentwickelten Rettungsgeräte kein Markt da. Ich glaube das nicht. Thomas, bitte bau das Ding. Meine Bestellung ist Dir sicher.

Was wollen Sie tun?

 

© FLYforFUN, Michael Engelhardt